
Jenny Jeidels-Stamm
geboren am 8. Juni 1870 in Darmstadt, Hessen, Deutschland
ermordet am 13. März 1943 im deutschen Mordlager Sobibor
Familie
Lebensdaten


Jenny unten links, daneben ihre Schwester Lina und Linas Ehemann Clarence.

Jenny Jeidels-Stamm

Jenny mit ihrer Enkelin Reni

Der Stolperstein von Jenny Jeidels-Stamm in der Alexanderstraße 2 in Darmstein wurde 2015 in Anwesenheit ihrer Enkelin Reni verlegt.

Gedenkstein für Jenny Jeidels-Stamm in Sobibór
Biografie
Jenny Jeidels wuchs in Darmstadt auf. In Darmstadt waren seit dem 16. Jahrhundert jüdische Familien ansässig. Es gab zwei Synagogen, jüdische Schulen, einen Friedhof und verschiedene soziale Einrichtungen. 34 Darmstädter Juden fielen im Ersten Weltkrieg. 1933 lebten etwa 1500 Jüdinnen und Juden in Darmstadt, viele verließen die Stadt und wanderten aus, 600 von ihnen kamen im Holocaust ums Leben.
Jenny Jeidels wuchs zusammen mit sieben Geschwistern auf, ihre Eltern waren David und Sophie Stamm, sie lebten in der Alexanderstraße 2. Ihr Vater David Stamm betrieb unweit ihrer Wohnung ein Café mit Restaurant. Die Familie besuchte regelmäßig die Synagoge der Stadt. Jenny wird als eine schlanke, hochgewachsene Frau beschrieben. Sie war sehr musikalisch, spielte Klavier, kochte gern und war geschickt im Nähen und Stricken. Mit 18 Jahren heiratete Jenny Stamm am 23. August 1888 den gebürtigen Berliner Weinhändler Max Jeidels. In den folgenden drei Jahren wurden die Söhne Kurt und Norbert geboren. Einige Jahre später trennte sich Jenny von ihrem Ehemann, und sie zog mit ihren beiden Söhnen zurück zu ihren Eltern. Ihr geschiedener Ehemann Max emigrierte in die USA und lebte in San Francisco. Ihre beiden Söhne besuchten das Großherzogliche Realgymnasium in Darmstadt. Jennys Vater starb 1906, ihre Mutter 1918.
Die beiden Söhne Kurt und Norbert
Ihr Sohn Kurt verzog mit 18 Jahren nach Berlin, um eine Ausbildung zum Kaufmann zu machen. Nach seiner Lehre arbeitete er in einer Kabelfabrik. Kurt Jeidels diente als Soldat im Ersten Weltkrieg. Zurück in Berlin lernte er seine spätere Ehefrau, die Katholikin Anne Jaworski kennen. Die beiden heirateten 1922 und emigrierten nach Delft in die Niederlande. Dort arbeitete Kurt bei seinem Onkel Clarence in dessen Kabelfabrik. Clarence Feldmann war der Ehemann von Jenny Jeidels‘ Schwester Lina. 1928 wurde in Delft ihre gemeinsame Tochter Irene, Rufname Reni, geboren. Einige Jahre nach der deutschen Besetzung der Niederlande musste die Familie1943 ihr Haus räumen und in eine Wohnung umziehen. 1944 musste Kurt in einem Arbeitslager bei Drenthe Zwangsarbeit leisten. Kurt Jeidels und seine Familie überlebte die Zeit des Nationalsozialismus, geschützt durch die sogenannte Mischehe.
Der Sohn Norbert Jeidels absolvierte ebenfalls eine kaufmännische Ausbildung und heiratete Margarete Ebel aus Pfungstadt. Nach der Reichspogromnacht im Jahr 1938 und seiner Inhaftierung in Buchenwald emigrierte das Paar im Januar 1939 in die Niederlande. Sie wohnten kurze Zeit im Haus von Clarence Feldmann und ließen sich danach in Den Haag nieder. Beide überlebten die Zeit des Nationalsozialismus in den Niederlanden.
Ihre Flucht in die Niederlande
Jenny Jeidels verließ kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 Darmstadt und zog zur Familie ihrer Schwester Lina Feldmann in die Niederlande. Linas Ehemann Clarence hatte seit 1905 eine Professur an der Technischen Hochschule in Delft inne. Jenny wohnte ab April 1933 im Haus ihrer Schwester und ihres Schwagers. Dieses Haus war Jenny Jeidels-Stamm und den Familien ihrer Söhne auch in der Folgezeit Zufluchtsort. Jenny Jeidels bewohnte in diesem Haus ein eigenes Zimmer mit Balkon, half im Haushalt und kümmerte sich um ihre Schwester Lina, die an schwerem Asthma litt und nach einem Unfall gehbehindert war. Nicht weit entfernt wohnte ihr Sohn Kurt mit Ehefrau Anna und der Enkelin Reni. 1940 besetzte die deutsche Wehrmacht die Niederlande. 1941 erkrankte Clarence Feldmann und starb an den Folgen einer Lungenentzündung in einem Delfter Krankenhaus.
Verhaftung und Deportation
Am 5. März 1943 drangen niederländische Polizisten in die Wohnung der Feldmanns ein und verhafteten die Schwestern Jenny und Lina. Ein niederländischer Polizist forderte Jenny zur Flucht auf, aber sie wollte bei ihrer Schwester bleiben. Jennys Enkelin schilderte anrührend die letzten Minuten der Verhaftung ihrer Großmutter: „Das Letzte, was ich von meiner Großmutter Jenny sah, war, dass sie sich noch einmal umdrehte, lächelte, ihre Arme ausbreitete und mit fester Stimme sagte: "Und jetzt sind wir alle mutig". Dieses Bild meiner süßen, tapferen Großmutter hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt.“ (Der Bericht von Reni Jeidels ist unten abgedruckt) Am nächsten Tag wurden die beiden Schwestern in das Polizeiliche Durchgangslager Westerbork verschleppt.
Das „Polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork“ diente als Konzentrationslager in Vorbereitung der Deportationen v.a. der jüdischen Flüchtlinge und niederländischen Juden und Jüdinnen in die Vernichtungslager. Von hier wurden zwischen 1942 und 1944 insgesamt 107.000 Jüdinnen und Juden in den Osten verschleppt - 19 Transporte mit über 34.000 Menschen verließen Westerbork mit dem Ziel Sobibor.
Am 1. April 1943 starb Lina Feldmann in Westerbork an Entkräftung und wegen fehlender Medikamente. Der Leichnam von Lina Feldmann wurde eingeäschert und auf dem jüdischen Friedhof in Diemen beigesetzt.
Jenny Jeidels musste schon am 10. März 1943 mit weiteren 1105 jüdischen Menschen in einen Deportationszug steigen. Nach einer dreitägigen Zugfahrt in den überfüllten Waggons kam sie am 13. März 1943 in Sobibor an. Jenny Jeidels-Stamm wurde direkt nach ihrer Ankunft im deutschen Mordlager Sobibor im Alter von 72 Jahren umgebracht.
Bericht von Reni Jeidels
Persönliche Erinnerungen an die Delfter Juden (Teil 5) (joodsmonument.nl)von Reni Jeidels, der Enkelin von Jenny Jeidels-Stamm:
"Und jetzt sind wir alle mutig..."
Am 5. März 1943 holten zwölf Mitarbeiter der niederländischen Polizei alle noch in Delft lebenden Juden aus ihren Häusern und brachten sie in einem Polizeiwagen zur Polizeistation der Oude Delft. Mein armer Vater wagte es nicht, zu seiner Mutter zu gehen, aus Angst, dass er auch weggebracht werden würde. Meine Mutter und ich waren dabei, als Jenny & Lina vom Rotterdamscheweg 101 abgeholt wurden. Einer der niederländischen Agenten sagte zu meiner Mutter: "Warum lässt du deine Schwiegermutter nicht weglaufen, dieses Haus hat so viele Ausgänge, dass ich nicht alle bewachen kann." Jenny hatte in diesem Moment eine echte Chance auf Flucht, aber sie wollte ihre Schwester Lina nicht allein lassen.
Das Letzte, was ich von meiner Großmutter Jenny sah, war, dass sie sich noch einmal umdrehte, lächelte, ihre Arme ausbreitete und mit fester Stimme sagte: "Und jetzt sind wir alle mutig". Dieses Bild meiner süßen, tapferen Großmutter hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt.
Am Morgen des 6. März, am frühen Morgen, wurde die gesamte Gruppe von etwa vierzig Personen mit Lastwagen von der Grünen Polizei zum Bahnhof Hollands Spoor in Den Haag gebracht. Von dort fuhr der reguläre Zug zum Konzentrations- und Durchgangslager Westerbork in Drenthe, wo die Gruppe noch am selben Tag ankam. Jenny würde nur 4 Tage in Westerbork bleiben. Lina starb am 1. April 1943 in der Lazarettkaserne aus Mangel an Medikamenten gegen ihr Asthma.
Verwendete Dokumente und Literatur