
Dina Kratzenstein, geborene Strauß
geboren am 14. April 1867 in Eimelrod, Hessen, Deutschland
ermordet am 30. April 1943 in der deutschen Mordstätte Sobibor
Familie
Lebensdaten


Tochter Hedwig mit ihrem Ehemann Max Winter

Felix und Dina Kratzenstein

Dina mit ihren Enkelinnen Gertrud und Berni

Dinas Enkel Erich und Enkelin Ilse

Gedenkstein für Dina Kratzenstein in Sobibór
Biografie
Dina Katzenstein wuchs in Eimelrod, einem kleinen Ort bei Willingen im Sauerland auf. Sie heiratete 1890 Selig Felix Kratzenstein aus Marienhagen. Dort bewirtschaftete Selig Felix Kratzenstein das Gasthaus „Zum grünen Kranze“ mit einer dazugehörenden kleinen Landwirtschaft. Außerdem betrieben sie einen Gemischtwarenladen. Das Paar bekam vier Kinder. Ihr Sohn Hermann kam 1891 zur Welt, Tochter Hedwig 1895, Tochter Herda 1900 und das jüngste Kind Julius Joseph 1904.
1919 verstarb ihr Ehemann Felix Kratzenstein. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Vöhl beerdigt.
1919 heiratete ihre Tochter Hedwig Max Winter aus Schlesien. Schwiegersohn Max Winter übernahm den Gasthof und den Gemischtwarenladen von Dina Kratzenstein. Das Paar bekam zwei Töchter, 1920 wurde Berni geboren, 1924 Gertrud. Dina blieb im Haus der Familie ihrer Tochter wohnen. Die Mädchen besuchten die Volksschule Marienhagen.
Flucht in die Niederlande
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 flüchteten bis zu 50.000 deutsche Jüdinnen und Juden legal oder auch illegal in die Niederlande. 1938 wurde die zunächst liberale Aufnahmepolitik verschärft. Nach der Besetzung der Niederlande durch die Deutschen im Mai 1940 wurden sukzessive die niederländischen Juden und die jüdischen Flüchtlinge erfasst, ausgegrenzt und verfolgt. Zu diesem Zeitpunkt lebten noch etwa 15.000 deutsche Jüdinnen und Juden in den Niederlanden.
1933 war bereits ihr Sohn Hermann mit Familie in die Niederlande geflohen. 1936 flüchtete auch Dina Kratzenstein zusammen mit der Familie ihrer Tochter Hedwig nach Enschede in die Niederlande. Sie tauschten ihr großes Haus in Marienhagen mit zwei Häusern der Familie Stevens in Enschede, die nebeneinander im Bruggersteeg 277 lagen. Dort lebten in der Folgezeit die geflüchteten Familienmitglieder Kratzenstein. Die Familie Stevens zog nach Marienhagen und bewohnte und bewirtschaftete die dort erworbene Gaststätte.
Dina Kratzenstein selbst blieb, nachdem ihre Familienmitglieder im Oktober 1942 inhaftiert wurden, allein in Enschede zurück. Die Versuche des Sohnes in der Schweiz für sie Ausreisepapiere zu bekommen, blieben erfolglos. Die Personenkarte des Konzentrationslagers s´Herzogenbusch belegt, dass sie am 8. April 1943 dort eingeliefert wurde. Zwei Wochen später wurde sie in das Polizeiliche Durchgangslager Westerbork verschleppt.
Das „Polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork“ diente als Konzentrationslager in Vorbereitung der Deportationen v.a. der jüdischen Flüchtlinge und niederländischen Juden und Jüdinnen in die Mordlager. Von hier wurden zwischen 1942 und 1944 insgesamt 107.000 Jüdinnen und Juden in den Osten verschleppt - 19 Transporte mit über 34.000 Menschen verließen Westerbork mit dem Ziel Sobibor. 65 Deportationszüge fuhren zwischen 1942 und 1944 in die Mordstätte Auschwitz – Birkenau.
In Westerbork traf sie vermutlich noch einmal auf ihre Enkel Hilde, Erich und Ilse. Nach nur fünf Tagen musste Dina Kratzenstein kurz vor ihrem 76. Geburtstag in Westerbork einen Deportationszug besteigen, der sie und 1203 weitere Jüdinnen und Juden in das Mordlager Sobibor brachte. Nach einer beschwerlichen dreitägigen Fahrt erreichte der Zug am 30. April 1943 Sobibor. Dina Kratzenstein wurde direkt nach ihrer Ankunft in Sobibor ermordet.
Die Ermordung ihrer Familienmitglieder ging nach ihrem Tod weiter. Insgesamt fielen neun ihrer allernächsten Familienangehörigen der Shoa zum Opfer.
Die Familie der Tochter Hedwig
Im Oktober 1942 wurden ihre Tochter Hedwig, verheiratete Winter, Ehemann Max und die beiden Töchter Berni und Gertrud in Enschede verhaftet und ins Polizeiliche Durchgangslager Westerbork verschleppt. Enkelin Berni heiratete noch in Westerbork Karel van Gelder. Trauzeugen waren ihr Vater Max und ihr Onkel Hermann Kratzenstein. Am 16. Oktober 1942, nur wenige Tage nach der Hochzeit, wurden Berni van Gelder, ihre Schwester Gertrud Winter und die Eltern Hedwig und Max Winter nach Auschwitz deportiert. Am 18. Oktober übernahm die SS-Bereitschaft im Konzentrationslager Auschwitz um 8.45 Uhr einen Transport des Reichssicherheitshauptamtes mit 1710 Jüdinnen und Juden aus Holland. 1594 Deportierte wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet. 116 Frauen erhielten eine Häftlingsnummer und wurden ins Lager aufgenommen. Die oben Erwähnten waren nicht unter ihnen. Karel van Gelder wurde im selben Zug nach Auschwitz deportiert. Er wurde zum 31. März 1944 in Auschwitz als verschollen erklärt.
Die Familie von Sohn Hermann
Dinas Sohn Hermann Kratzenstein heiratete Emilie Wertheim aus Schüttdorf in Niedersachsen. Das Paar bekam drei Kinder. Die älteste Tochter Hilde wurde 1919 in Schüttdorf geboren. Tochter Ilse 1921 und Sohn Erich 1927 in Niedermarsberg im Sauerland, wo die Familie nun lebte. Hermann Kratzenstein war von Beruf Handelsvertreter. Im Juli 1933 emigrierte er mit seiner Familie nach Enschede in die Niederlande. Im Oktober 1942 wurden er und seine gesamte Familie verhaftet und nach Westerbork gebracht. Hermann und seine Ehefrau Emilie wurden am 21. April 1943 von Westerbork nach Theresienstadt verschleppt. Ihre beiden Kinder Ilse und Erich blieben noch bis Januar 1944 in Westerbork, um sie dann ebenfalls nach Theresienstadt zu deportierten. Sohn Hermann und Enkel Erich wurden im September 1944 über Auschwitz und Dachau nach Flossenbürg verschleppt. Sohn Hermann starb am 27. Januar 1945 in Leitmeritz, einem Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. Enkel Erich kam am 24. März 1945 in Flossenbürg ums Leben. Schwiegertochter Emilie und ihre Tochter Ilse wurden am 4. Oktober 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz verschleppt. Am 6. Oktober 1944 kam ein Transport aus dem Ghetto Theresienstadt mit 1500 jüdischen Kindern, Frauen und Männern in Auschwitz-Birkenau an. Nach Selektionen wurden mehrere hundert junge Deportierte ins Lager aufgenommen. Alle anderen wurden in den Gaskammern ermordet. Unter ihnen die Schwiegertochter Emilie und die Enkelin Ilse.
Die älteste Tochter von Hermann Kratzenstein, Dinas Enkelin Hilde, hatte 1940 den Schlesier Otto Meijer geheiratet. Sie wurde ebenfalls in Westerbork inhaftiert und am 14. September 1943 zusammen mit ihrem Ehemann in das Konzentrationslager Auschwitz - Birkenau verschleppt. Am 16. September traf in Auschwitz ein RSHA-Transport aus Niederlanden ein. 578 Menschen wurden unmittelbar nach der Selektion an der Rampe in den Gaskammern ermordet. 233 Männer wurden mit den Häftlingsnummern 150605 bis 150837 ins Lager aufgenommen, 194 Frauen erhielten die Häftlingsnummern 62367 bis 62560 und wurden ebenfalls ins Lager aufgenommen. 140 dieser ins Lager aufgenommene Frauen aus diesem Transport wurden einige Tage später auf die Versuchsstation von Prof. Dr. Clauberg im Block 10 in Auschwitz I inhaftiert. Er führte in Zusammenarbeit mit der Fa. Schering Sterilisationsversuche an Frauen durch. Eine von ihnen war Hilde Meijer. Sie überlebte gesundheitlich schwer geschädigt ihre Haftzeit. Ihr Ehemann kam im Konzentrationslager Auschwitz-Monowitz am 6. Januar 1944 ums Leben. Hilde Meijer heiratete 1947 noch einmal und hieß dann Cohen. Sie verstarb 2006 in Spanien, wohin sie nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes ausgewandert war. Sie sprach Zeit ihres Lebens nicht über ihre Erlebnisse in Auschwitz.
Die Tochter Herda
Tochter Herda Kratzenstein heiratete 1920 Josef Maier. Er war katholischen Glaubens und stammte aus Süddeutschland. Herda zog zu ihm und wenig später wurde ihre Tochter Ilse geboren. Herda überlebte die Zeit der Verfolgung und starb 1983 in Zell am Harmersbach in Baden-Württemberg in Deutschland.
Die Familie von Sohn Julius Joseph
Dinas jüngster Sohn Julius Joseph Kratzenstein besuchte die Volksschule in Marienhagen und studierte anschließend im jüdischen Lehrerseminar in Münster. Für einige Zeit unterrichtete er danach in Sobernheim, wo er seine spätere Frau Rosel Müller kennenlernte. Ab 1927 studierte er in Berlin Geschichte, Philosophie und Pädagogik. 1929 war er an der Universität in Zürich eingeschrieben und hielt sich zu Studienzwecken in Israel auf. Den Abschluss des Rabbinerstudiums legte er 1934 in Berlin ab. Seine Frau blieb in Zürich und kümmerte sich um ihren dort 1932 geborenen Sohn. Wieder zurück in Zürich unterrichtete Julius Joseph Kratzenstein Hebräisch und wurde später stellvertretender Rabbiner in der Züricher jüdischen Gemeinde. Von Zürich aus versuchte er seiner Mutter Dina Ausreisepapiere zu besorgen, wie auf ihrer Karteikarte des Judenrates in Amsterdam vermerkt ist. Doch seine Bemühungen schlugen fehl. Nach dem Krieg war er für drei Jahre Großrabbiner in Luxemburg. Später wanderte er zusammen mit seiner Familie in die USA aus, wo er 1990 starb.
Verwendete Dokumente und Literatur
Website des Archivs ITS Arolsen
Website Gedenkbuch des Bundesarchivs
Website Opferdatenbank Theresienstadt
Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, 1989