
Levi Meyer
geboren am 4. Juli 1890 in Grebenau, Hessen, Deutschland
ermordet am 28. Mai 1943 in der deutschen Mordstätte Sobibor
Familie
Lebensdaten


Ehefrau Sophie mit Levi

Sohn Meinhard, Ehefrau Sophie und Levi in Kassel

Levi Meyer

Levis Kinder Berta und Meinhard

Gedenkstein für Sophie und Levi Meyer
Biografie
Levi Meyer wuchs als Sohn von Moses und Dina Meyer in Grebenau auf. In Grebenau waren seit dem 18. Jahrhundert jüdische Familien wohnhaft. Den Ort prägte eine rege jüdische Gemeinde; der jüdische Bevölkerungsanteil betrug bis in die 20er Jahre 20 Prozent. Es gab eine Synagoge, es gab eine jüdische Schule und ein rituelles Bad. 1899 wurden evangelische und jüdische Schule zusammengelegt, unterrichtet wurde von zwei christlichen und einem jüdischen Lehrer. In der jüdischen Gemeinde gab es zwei Wohltätigkeitsvereine und einen Frauenverein.
Leben in Kassel
1913 zog Levi Meyer nach Kassel. Hier traf er auf eine der größten städtischen jüdischen Gemeinden des Reiches mit fast 3.000 Mitgliedern. Die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner trugen zum wirtschaftlichen, geistigen und kulturellen Leben der Stadt bei. Das städtische Judentum setzte sich vor allem aus assimilierten und liberalen Jüdinnen und Juden, aber auch streng Gläubigen zusammen. In Kassel gab es seit Mitte des 19. Jahrhundert eine große Synagoge und eine kleine für orthodox orientierte Juden. Zum jüdischen Leben in Kassel zählten u.a. ein Krankenhaus, ein Altersheim, ein Waisenhaus, ein Kinderhort und eine jüdische Schule, die 1933 noch von 176 Kindern besucht wurde. Viele Gemeindemitglieder engagierten sich in zahlreichen Wohltätigkeits- und anderen Vereinen und Einrichtungen. Im Ersten Weltkrieg fielen 62 jüdische Männer aus Kassel.
1921 heiratete Levi Meyer seine Frau Sophie aus Stadtallendorf. Den Unterhalt für die Familie verdiente er als Schneider, seine Frau Sophie arbeitete im gemeinsamen Geschäft mit. Ihre beiden Kinder Berta und Meinhard wurden 1924 und 1927 geboren.
Ab 1933 nahm die Hetze, Ausgrenzung, Verfolgung, Berufs- und Handelsverbote und der Raubzug gegen die jüdische Bevölkerung ständig zu. Bis 1937 wanderten etwa 400 Kasseler Jüdinnen und Juden aus. Die Folgen der antijüdischen Politik wirkten sich auf das Geschäft der Familie Meyer aus und ihre finanzielle Situation verschlechterte sich; sie verloren ihre Kunden. Auch Levi und Sophie Meyer dachten über Auswanderung nach.
Ihre Kinder Meinhard und Berta besuchten ab 1930 bzw. 1933 die jüdische Volksschule in Kassel. Oft waren sie auf dem Schulweg den Beleidigungen der Hitlerjugend-Jungen ausgesetzt.
Sie erhielten 1937 für den 13 Jahre alten Meinhard ein Visum für die USA, ein Onkel war bereits ein Jahr vorher in die USA geflohen. Ende 1937 brachte der Vater Meinhard zum Hamburger Hafen, dieser erreichte am 12.Januar 1938 New York. Die Familie bewarb sich nun ebenfalls um ein Visum für die USA.
Reichspogromnacht 1938
In der Reichspogromnacht 1938 wurde die Große Synagoge in Kassel demoliert und später abgerissen. Es wurden jüdische Geschäfte und Einrichtungen verwüstet und geplündert, initiiert von SS und der Geheimen Staatspolizei, begleitet von einem Publikum aus Hunderten von nichtjüdischen Bürgerinnen und Bürgern. 250 jüdische Männer wurden ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt und wochenlang festgehalten. Levi Meyer war einer von ihnen.
Nach den bedrohlichen Ereignissen der Reichspogromnacht in Kassel, entschieden sich Levi und Sophie, sicherlich schweren Herzens, ihre erst 11 Jahre alte Tochter Berta mit einem Kindertransport in die Niederlande zu schicken. Am 3. Januar 1939 verließ sie Kassel in Richtung Amsterdam. Berta lebte in den folgenden Monaten in verschiedenen Kinderheimen in den Niederlanden.
ersehntes Visum und gescheiterte Flucht in die USA
Schließlich bekam die Familie die begehrten Einreisebewilligung für die USA. Im April 1940 reisten sie, mit ihren Schiffspassagen im Gepäck, nach Rotterdam in den Niederlanden. Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 10. Mai 1940 in die Niederlande am Tag vor ihrer Abreise vereitelte tragischerweise ihre Flucht. Der transatlantische Schiffsverkehr wurde eingestellt. Ihre Tickets für die Überfahrt verfielen.
Die Familie kehrte nicht nach Kassel zurück. Sie lebten über zwei Jahre in Amsterdam, ihre Tochter Berta wohnte nun wieder bei ihnen. Ab 1941 waren sie in Amsterdam in der Plantage Badlaan 19 ansässig, ihre letzte Meldeadresse war in der Plantage Kerklaan 3. Mit ihnen lebten bis zu 50.000 deutsche Jüdinnen und Juden in den Niederlanden, die seit 1933 legal oder illegal eingewandert waren.
Die Integration der Flüchtlinge wurde in den Niederlanden schon ab Ende der 30er Jahre erschwert. Emigranten erhielten zu dieser Zeit keine Arbeitserlaubnis und viele waren von Hilfsorganisationen abhängig. Mit der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 verschärfte sich die Situation zusehends. Die Ausgrenzung, Entrechtung, Beraubung und Verfolgung, die die deutschen Juden und Jüdinnen bereits im Deutschen Reich mitgemacht hatten, mussten sie nun ein zweites Mal in den Niederlanden erleben.
Verschleppung nach Sobibor
Im Februar 1943 erhielt die Familie Meyer den Aufruf sich in der Hollandsche Schouwburg zu melden. Dieses ehemalige Theater diente den deutschen Besatzern seit Sommer 1942 als Sammelstelle für die Jüdinnen und Juden aus Amsterdam, bevor man sie zum angeblichen Arbeitseinsatz in den Osten „aussiedelte“. Wenn sich die Jüdinnen und Juden nicht freiwillig in der Schouwburg meldeten, wurden sie bei Razzien in ihren Wohnungen, an ihren Arbeitsplätzen und auf der Straße von deutschen und niederländischen Polizisten aufgegriffen und zur Sammelstelle gebracht. Die Familie musste sich per Bahn von Amsterdam nach Vught begeben und wurde dort am 24. Februar 1943 ins Konzentrationslager Kamp Vught, von den Deutschen s’Hertogenbusch genannt, eingewiesen.
Drei Monate später, 23. Mai 1943 wurden sie von Vught in das Lager Westerbork verschleppt. Das „Polizeiliche Judendurchgangslager Kamp Westerbork“ diente als Konzentrationslager in Vorbereitung der Deportationen v.a. der jüdischen Flüchtlinge und niederländischen Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager. Von hier wurden zwischen 1942 und 1944 107.000 Jüdinnen und Juden in den Osten verschleppt – 19 Transporte mit über 34.000 Menschen verließen Westerbork mit dem Ziel Sobibor. Am 25. Mai 1943 mussten Levi, Sophie und die nun sechzehnjährige Tochter Berta mit dem 13. Transport zusammen mit insgesamt 2859 Jüdinnen und Juden die Fahrt nach Sobibor antreten. Die Fahrt im Viehwaggon dauerte drei Tage. Levi und Sophie Meyer und ihre Tochter Berta wurden direkt nach ihrer Ankunft, am 28. Mai 1943, in der Mordstätte Sobibor ermordet.
Verwendete Dokumente und Literatur
Interview:
Interview mit Meinhardt Meyer; USC Shoah Foundation, 29.4.1996 in Louisville, Kentucky, USA
Website zu Kindertransporten in die Niederlande
Website des Archivs ITS Arolsen
Website Gedenkbuch des Bundesarchivs
Website Statistik des Holocaust
Website Geschichte jüdischer Gemeinden - Kassel
Gottwald, Alfred/ Schulle, Diane, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, 2005
Hänschen, Steffen, Das Transitghetto Izbica im System des Holocaust, 2018
Kammler, Jörg, u.a., Hg., Volksgemeinschaft und Volksfeinde, Kassel 1933 – 1945, Bd. I und II, 1984 und 1987
Kingreen, Monika u.a., Hanauer Juden 1933-1945, Entrechtung, Verfolgung, Deportation, 1998
Kleinert, Beate und Prinz, Wolfgang ,Namen und Schicksale der Juden Kassels. Ein Gedenkbuch,
Magistrat der Stadt Kassel – Stadtarchiv, Hg.,1986
Thiele, Helmut, Die jüdischen Einwohner zu Kassel, 2006