
Sophie Meyer
geboren am 28. Dezember 1892 in Allendorf, Hessen, Deutschland
ermordet am 28. Mai 1943 in der deutschen Mordstätte Sobibor
Familie
Lebensdaten


Sophie und ihr Ehemann Levi

Sohn Meinhard, Sophie und Ehemann Levi

Sophie mit ihrem Sohn Meinhard auf dem Arm

Sophies Kinder Berta und Meinhard

Gedenkstein für Sophie und Levi Meyer
Biografie
Sophie Stern wuchs als Tochter von Meier Stern und Berta Kugelmann im hessischen Stadtallendorf auf. In Stadtallendorf waren seit dem 18. Jahrhundert einige wenige jüdische Familien wohnhaft. Dennoch gab es einen Betraum, eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Im Ersten Weltkrieg verloren drei jüdische Männer aus Stadtallendorf ihr Leben. Die Familie von Sophie Stern betrieb Viehhandel und eine Metzgerei. Sophie Stern hatte weitere sechs Geschwister. Drei von ihnen wanderten mit unbekanntem Datum in die USA bzw. nach Australien aus. Ihre ältere Schwester Katinka Michel geb. Stern (geb. 1884) kam im Ghetto Litzmannstadt ums Leben. Das Schicksal der übrigen Geschwister ist nicht bekannt.
1921 heiratete Sophie und wohnte mit ihrem Ehemann Levi Meyer in Kassel. Den Unterhalt für die Familie verdiente ihr Ehemann als Schneider, Sophie Meyer arbeitete im gemeinsamen Geschäft. Ihre beiden Kinder Berta und Meinhard wurden 1924 und 1927 geboren.
Leben in Kassel
1921 heiratete Sophie und wohnte mit ihrem Ehemann Levi Meyer in Kassel. Den Unterhalt für die Familie verdiente ihr Ehemann als Schneider, Sophie Meyer arbeitete im gemeinsamen Geschäft. Ihre beiden Kinder Berta und Meinhard wurden 1924 und 1927 geboren.
In Kassel traf sie auf eine große städtische jüdische Gemeinde mit fast 3.000 Mitgliedern. Die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner trugen zum wirtschaftlichen, geistigen und kulturellen Leben der Stadt bei. Das städtische Judentum setzte sich vor allem aus assimilierten und liberalen Jüdinnen und Juden aber auch strenggläubigen zusammen. In Kassel gab es seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine große Synagoge für die Mehrheit der Gemeinde und eine kleine für orthodox orientierte Juden. Zum jüdischen Leben in Kassel zählten u.a. ein Krankenhaus, ein Altersheim, ein Waisenhaus, ein Kinderhort und eine jüdische Schule, die 1933 noch von 176 Kindern besucht wurde. Viele Gemeindemitglieder engagierten sich in Wohltätigkeits- und anderen Vereinen und Einrichtungen. Im Ersten Weltkrieg fielen 62 jüdische Männer aus Kassel.
Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Jahr 1933 nahmen Hetze, Ausgrenzung, Verfolgung, Berufs- und Handelsverbote und der Raubzug gegen die jüdische Bevölkerung ständig zu. Bis 1937 wanderten etwa 400 Kasseler Jüdinnen und Juden aus.
Die Folgen der antijüdischen Politik wirkten sich auf das Geschäft der Familie Meyer spürbar aus und ihre finanzielle Situation verschlechterte sich; sie verloren ihre Kunden. Auch Levi und Sophie Meyer dachten über Auswanderung nach.
Die Kinder von Sophie Meyer, Meinhard und Berta, besuchten ab 1930 bzw. 1933 die jüdische Volksschule in Kassel. Oft waren sie auf dem Schulweg den Beleidigungen der Hitlerjugend-Jungen ausgesetzt. Im Jahr 1937 erhielt der 13 Jahre alte Meinhard ein Visum für die USA, geholfen hatte ein Onkel, der ein Jahr vorher in die USA geflohen war. Ende 1937 brachte der Vater Meinhard zum Hamburger Hafen. Meinhard erreichte am 12. Januar 1938 New York. Die restliche Familie bewarb sich ebenfalls um ein Visum für die USA.
Reichspogromnacht November 1938
In der Reichspogromnacht 1938 wurde die Große Synagoge in Kassel demoliert und später abgerissen. Es wurden jüdische Geschäfte und Einrichtungen verwüstet und geplündert, initiiert von SS und der Geheimen Staatspolizei, begleitet von einem Publikum aus Hunderten von nichtjüdischen Bürgerinnen und Bürgern. In den folgenden Tagen wurden 250 jüdische Männer ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt und dort wochenlang festgehalten. Sophie Meyers Ehemann Levi war einer von ihnen.
Nach den bedrohlichen Ereignissen der Reichspogromnacht in Kassel, entschieden sich Levi und Sophie sicherlich schweren Herzens, ihre erst elf Jahre alte Tochter Berta mit einem Kindertransport in die Niederlande zu schicken. Am 3. Januar 1939 verließ die Tochter Kassel in Richtung Amsterdam. Die kleine Berta lebte in den folgenden Monaten in verschiedenen Kinderheimen in den Niederlanden.
ersehntes Visum und gescheiterte Flucht in die USA
Schließlich bekam die Familie die begehrten Einreisebewilligung für die USA. Im April 1940 reisten sie, mit ihren Schiffspassagen im Gepäck, nach Rotterdam in den Niederlanden. Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 10. Mai 1940 in die Niederlande am Tag vor ihrer Abreise vereitelte jedoch tragischerweise ihre Abfahrt. Der transatlantische Schiffsverkehr wurde eingestellt. Ihre Tickets für die Überfahrt verfielen.
Die Familie kehrte nicht nach Kassel zurück und lebte in den nächsten zweieinhalb Jahren in Amsterdam. Die Tochter Berta zog nun wieder zu ihnen. Ab 1941 waren sie in Amsterdam in der Plantage Badlaan 19 ansässig, ihre letzte Meldeadresse war in der Plantage Kerklaan 3. Mit ihnen lebten zu diesem Zeitpunkt bis zu 50.000 deutsche Jüdinnen und Juden in den Niederlanden, sie waren seit 1933 legal oder illegal eingewandert.
Die Integration der Flüchtlinge wurde in den Niederlanden schon ab Ende der 30er Jahre erschwert. Emigranten erhielten zu dieser Zeit keine Arbeitserlaubnis und waren oftmals von Hilfsorganisationen abhängig. Mit der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 verschärfte sich die Situation zusehends. Die Ausgrenzung, Entrechtung, Beraubung und Verfolgung, die die deutschen Juden und Jüdinnen bereits im Deutschen Reich mitgemacht hatten, mussten sie nun ein zweites Mal in den Niederlanden erleben.
Verschleppung nach Sobibor
Im Februar 1943 erhielten Sophie, Berta und Levi Meyer aus Kassel den Aufruf, sich in der Hollandsche Schouwburg zu melden. Dieses ehemalige Theater diente den deutschen Besatzern ab Sommer 1942 als Sammelstelle für Jüdinnen und Juden aus Amsterdam. Wenn sie sich nicht freiwillig meldeten, wurden sie bei Razzien in ihren Wohnungen, an ihren Arbeitsplätzen und auf der Straße von deutschen und niederländischen Polizisten aufgegriffen und zur Sammelstelle gebracht. Die Familie Meyer musste sich per Bahn von Amsterdam nach Vught begeben und wurde dort am 24. Februar 1943 ins Konzentrationslager Kamp Vught, von den Deutschen s’Hertogenbusch genannt, eingewiesen.
Drei Monate später, am 23. Mai 1943 wurden sie von Vught aus in das Lager Westerbork verschleppt. Das „Polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork“ diente als Konzentrationslager in Vorbereitung der Deportationen v.a. der jüdischen Flüchtlinge und niederländischen Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager. Von hier wurden zwischen 1942 und 1944 insgesamt 107.000 Menschen in den Osten verschleppt - 19 Transporte mit über 34.000 Menschen verließen Westerbork mit dem Ziel Sobibor. Am 25. Mai 1943 mussten Sophie und Levi und die nun sechzehnjährige Tochter Berta im 13. Transport zusammen mit 2859 weiteren Jüdinnen und Juden die Fahrt nach Sobibor antreten. Die Fahrt im Viehwaggon dauerte drei Tage. Berta Meyer und ihre Eltern wurden nach ihrer Ankunft, am 28. Mai 1943, im Todeslager Sobibor ermordet.
Verwendete Dokumente und Literatur
Interview:
Interview mit Meinhardt Meyer; USC Shoah Foundation, 29.4.1996 in Louisville, Kentucky, USA
Website zu Kindertransporten in die Niederlande
Website des Archivs ITS Arolsen
Website Gedenkbuch des Bundesarchivs
Website Statistik des Holocaust
Website Geschichte jüdischer Gemeinden - Kassel
Gottwald, Alfred/ Schulle, Diane, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, 2005
Hänschen, Steffen, Das Transitghetto Izbica im System des Holocaust, 2018
Kammler, Jörg, u.a., Hg., Volksgemeinschaft und Volksfeinde, Kassel 1933 – 1945, Bd. I und II, 1984 und 1987
Kingreen, Monika u.a., Hanauer Juden 1933-1945, Entrechtung, Verfolgung, Deportation, 1998
Kleinert, Beate und Prinz, Wolfgang ,Namen und Schicksale der Juden Kassels. Ein Gedenkbuch,
Magistrat der Stadt Kassel – Stadtarchiv, Hg.,1986
Thiele, Helmut, Die jüdischen Einwohner zu Kassel, 2006