
Marianne Ticho
geboren am 24. Juli 1919 in Boskovice, Tschechien
ermordet am 23. Juni 1942 in der deutschen Mordstätte Sobibor
Familie
Lebensdaten


3 Stolpersteine erinnern seit Sommer 2025 vor dem Wohnhaus in Boskovice an die Familie Ticho

Paula Ticho, Mariannes Mutter

Max Ticho, Mariannes Vater

Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Boskovice für die Familie Ticho, aufgestellt von Kurt Thomas

Der Gedenkstein für die Familie Ticho
Biografie
Die Familie Ticho stammte aus dem mährischen Städtchen Boskovice im heutigen Tschechien. Die Stadt blickt auf eine reiche jüdische Geschichte seit dem 14. Jahrhundert zurück, bereits im 17. Jahrhundert existierte eine Synagoge. Später gab es eine jüdische Schule, eine Mikwe, eine angesehene Jeschiwa, zahlreiche wohltätige Einrichtungen und einen großen jüdischen Friedhof. Mitte des 19. Jahrhunderts waren knapp die Hälfte der Einwohner von Boskovice Jüdinnen und Juden, 1930 lebten etwa 400 Jüdinnen und Juden in der Stadt. Unter der nationalsozialistischen Besatzung wurden in Boskovice die jüdische Bevölkerung konzentriert und dann in die deutschen Mordstätten verschleppt. Weit über 400 Menschen wurden ermordet. Nach dem Krieg kehrten 14 Boskovicer Jüdinnen und Juden in ihren Heimatort zurück.
Die Familie
Die Familie Ticho lebte nicht religiös, ihr Vater Max Ticho selbst verstand sich als Atheist. Die Mutter stammte ursprünglich aus einer streng gläubigen Familie, sie besuchte auch nach ihrer Verheiratung regelmäßig die Synagoge, ihr Ehemann Max begleitete sie bis vor die Tür der Synagoge und traf sich dort mit Freunden zum Spazierengehen. Sohn Kurt beschrieb mit großer Zuneigung und berührenden Sätzen seine Mutter und seine Familie und zu seiner Schwester Marianne: „…- Oh, my mother, she was a loving, caring person. … For her-- to her, nothing mattered but family. And I have just … the fondest memories of my mother. And when I think how much patience and love and care she gave us, and then some brutal people killed her daughter, my sister, and her and my father, I-- it's revolting to me. And I can't express my feelings, because I was absolutely impotent to do anything about it. Well, we had a very nice family life. My mother was the most loving mother I could imagine. They were tolerant people, liberal people, understanding people. …I had a very nice relationship with my sister. It was a -- We were a very nice family. And we were five years apart. She was born 1919 …, I was born in 1914, five years apart.”
Der Vater Max Ticho verdiente als Handelsvertreter den Unterhalt für die Familie. Die Familie hatte einen großen Freundeskreis, immer wieder traf man sich zum Kartenspiel mit Freunden. Ihr Bruder Kurt begann mit 16 Jahren eine Ausbildung in einer Konfektionsfabrik, die er später selbst leitete. 1936 trat ihr Bruder seinen Militärdienst für die Tschechoslowakei an. Kurz vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei wurde Kurt im März 1939 aus dem Militärdienst entlassen und kehrte zurück nach Boskovice.
Ghettoisierung und Deportation
Die deutschen Besatzer etablierten sich ab März 1939 schnell in Boskovice und erließen zügig ihre antijüdischen Gesetze. Es gab bereits einen jüdischen Wohnbezirk, in dem die meisten jüdischen Familien lebten. Die Familie Ticho musste nun bei sich jüdische Mitbürger einquartieren und mit ihnen ihre Wohnung teilen. Im März 1942 wurden die jüdischen Einwohner von Boskovice über Brno nach Theresienstadt verschleppt, auch die Familie Ticho war betroffen. Am 1. April 1942 wurden 1000 Jüdinnen und Juden in Theresienstadt aufgerufen, zum wenige Kilometer entfernten Bahnhof zu gehen, darunter wiederum Marianne Ticho und ihre Familie. Sie mussten einen Zug besteigen, das Ziel des Zuges war die kleine Bahnstation Trawniki im heutigen Ostpolen. Zu Fuß und bewacht mussten sie von Trawniki aus in das zehn Kilometer entfernte Durchgangsghetto von Piaski laufen. In Piaski teilte sich die Familie eine kleine Wohnung mit einem anderen Ehepaar. In der Wohnung selbst befanden sich keine Möbel, sie schliefen auf dem Boden. Nach einer Woche fanden sie einen Platz in einem Haus, dessen Bewohner vermutlich bereits in die Mordstätte Belzec deportiert worden waren. Dreizehn Personen teilten sich die beiden Zimmer in diesem Haus. Die hygienischen Bedingungen im Ghetto Piaski waren schlecht. Wasser konnte man nur aus einem entfernt gelegenen Brunnen zapfen, der nur stundenweise zugänglich war. In dieser schwierigen Situation erblindete Marianne. Ihr Bruder Kurt arbeitete auf einem Bauernhof außerhalb von Piaski, was ihm ermöglichte mit geschmuggelten Lebensmitteln die Familie zu versorgen.
Wenige Wochen nach der Ankunft in Piaski kam auch die Tante Rosa Ticho aus Theresienstadt nach Piaski. Ihr Sohn Erwin war beim Zwischenhalt des Zuges in Lublin in das Konzentrationslager Majdanek bei Lublin eingewiesen worden. Er starb wenige Wochen später in den Gaskammern von Majdanek.
Die Nationalsozialisten begannen im Frühjahr 1942 mit den Deportationen und der Ermordung der jüdischen Bevölkerung aus den Ghettos des Generalgouvernement. Ab März fuhren die Deportationszüge nach Belzec, ab Anfang Mai in das Mordlager Sobibor.
Am 22. Juni 1942 wurden Marianne und ihre Familie zusammen mit ihrer Tante Rosa zu Fuß nach Trawniki getrieben. Ihr Bruder Kurt beobachtete von seinem Arbeitsplatz aus heimlich diese Kolonne, die sich auf den Bahnhof zu bewegte, allerdings ohne jemanden erkennen zu können. Als er am Abend zurück ins Ghetto kam, war seine Familie nicht mehr da. Die Menschen aus der Kolonne – so erfuhr er später - mussten in Trawniki in den Zug steigen, der sie direkt in das Mordlager Sobibor brachte. Marianne, Vater, Mutter und Tante wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in Sobibor ermordet.
Der Bruder Kurt
Ihr Bruder Kurt war nun der letzte Überlebende der Familie. Er berichtete später, was mit seiner Familie und ihm geschah: Der Zug ins Mordlager war so überfüllt, dass einige Jüdinnen und Juden nicht einsteigen konnten. Sie mussten zwei Tage in einer Scheune am Bahnhof hausen und wurden dann zurück ins Ghetto getrieben. Erst da erfuhr Sohn Kurt, was mit seiner Familie geschehen war. Er suchte sich eine Arbeit bei einem Bauern, wo er auch schlafen konnte. Das Bauernpaar behandelte ihn respektvoll. An den Sonntagen besuchte er regelmäßig seine Freundin im Ghetto. Im Oktober wurde er aufgefordert, zurück ins Ghetto von Piaski ziehen.
In der Nacht zum 5. November klopfte jemand an die Tür und forderte dazu auf, sich zu verstecken. Zwanzig Jüdinnen und Juden versteckten sich nun im Keller des Hauses. Am nächsten Tag begann die Ghettoräumung, das Versteck wurde verraten und die Ghettobewohner wurden nach Trawniki zum Bahnhof getrieben und in einen Zug gepfercht. Wenige Stunden später stand auch Kurt Ticho auf der Rampe des Mordlagers Sobibor, wo er zur Arbeit ausgewählt wurde. Fast ein Jahr lang musste er unter Aufsicht der SS- und von Trawniki Männern im Mordlager arbeiten. Er wurde bei der Kleidersortierung eingesetzt und später als Sanitäter in der Krankenbaracke. Hautnah sah er nun tausendfach das gewaltsame Ende von Jüdinnen und Juden mit an, das auch seiner Familie widerfahren war.
Beim Häftlingsaufstand am 14. Oktober 1943 gelang ihm die Flucht und er kehrte zu jenem ihm bekannten polnischen Bauernpaar in der Nähe von Piaski zurück, die ihn bis zur Befreiung bei sich versteckten. Später sagte er in verschiedenen Prozessen gegen die Täter von Sobibor aus. In seiner Wahlheimat USA nannte er sich Kurt Thomas. Seine Erinnerungen über die Zeit der Verfolgung veröffentlichte er unter dem Titel „My Legacy“. Er starb 2009 in Columbus/Ohio.
Verwendete Dokumente und Literatur
Interviews:
Interviews Archive USHMM, Kurt Thomas, 9.11.1990 und 23.6.1999
Interview Shoah Foundation, Kurt Thomas, 15.4.1997
Verwendete Literatur und Dokumente:
Muzeum Pojezierza Łęczyńsko-Włodawskiego, Kurt Thomas: My Legacy, 2008