
Max Ticho
geboren am 22. April 1878 in Boskovice, Tschechien
ermordet am 23. Juni 1942 in der deutschen Mordstätte Sobibor
Familie
Lebensdaten


3 Stolpersteine erinnern seit Sommer 2025 vor dem Wohnhaus in Boskovice an die Familie Ticho

Marianne Ticho, Max Tochter

Paula Ticho, Max Ehefrau

Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Boskovice für die Familie Ticho, aufgestellt von Kurt Thomas

Der Gedenkstein für die Familie Ticho
Biografie
Die Familie Ticho stammte aus dem mährischen Städtchen Boskovice im heutigen Tschechien. Die Stadt blickt auf eine reiche jüdische Geschichte seit dem 14. Jahrhundert zurück, bereits im 17. Jahrhundert existierte eine Synagoge. Später gab es eine jüdische Schule, eine Mikwe, eine angesehene Jeschiwa, zahlreiche wohltätige Einrichtungen und einen großen jüdischen Friedhof. Mitte des 19. Jahrhunderts waren knapp die Hälfte der Einwohner der Stadt Jüdinnen und Juden, 1930 lebten noch etwa 400 in der Stadt. Unter der nationalsozialistischen Besatzung wurde in Boskovice die jüdische Bevölkerung konzentriert und dann in die deutschen Mordstätten verschleppt. Weit über 400 Jüdinnen und Juden aus Boskovice wurden ermordet. Nach dem Krieg kehrten 14 Boskovicer Jüdinnen und Juden in ihren Heimatort zurück.
Die Familie
Max Ticho war der Sohn von Rosalie und Josef Ticho. Seine Frau Paula stammte ursprünglich aus einer streng gläubigen Familie, ihre Eltern hießen Johanna und Josef Steiner. Max Ticho kämpfte im 1. Weltkrieg für die Doppelmonarchie-Österreich-Ungarn. Kurz vor Kriegsbeginn hatte er am 30. März 1913 Paula Steiner in Uhorska Ves geheiratet.
Die Familie von Max Ticho in Boskovice lebte nicht religiös, Max Ticho selbst verstand sich als Atheist. Paula Ticho jedoch besuchte auch nach ihrer Verheiratung regelmäßig die Synagoge, ihr Ehemann Max begleitete sie bis vor die Tür der Synagoge und traf sich dort mit Freunden zum Spazierengehen. Sohn Kurt beschrieb später mit großer Zuneigung und berührenden Sätzen seine Mutter und seine Familie: „…- Oh, my mother, she was a loving, caring person….] For her-- to her, nothing mattered but family. And I have just … the fondest memories of my mother. And when I think how much patience and love and care she gave us, and then some brutal people killed her daughter, my sister, and her and my father, I-- it's revolting to me. And I can't express my feelings, because I was absolutely impotent to do anything about it. Well, we had a very nice family life. My mother was the most loving mother I could imagine. They were tolerant people, liberal people, understanding people. …I had a very nice relationship with my sister. It was a -- We were a very nice family. And we were five years apart. She was born 1919 …, I was born in 1914, five years apart.”
Max Ticho verdiente als Handelsvertreter den Unterhalt für die Familie. Die Familie pflegte den Umgang mit einem großen Freundeskreis, immer wieder traf man sich zum Kartenspiel. Sohn Kurt begann mit 16 Jahren eine Ausbildung in einer Konfektionsfabrik, die er später selbst leitete. 1936 musste er seinen Militärdienst in der tschechoslowakischen Armee antreten. Kurz vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in der Tschechoslowakei wurde Kurt im März 1939 aus dem Militärdienst entlassen und ging zurück nach Boskovice.
Ghettoisierung und Deportation
Die deutschen Besatzer etablierten sich ab März 1939 schnell in Boskovice und erließen zügig ihre antijüdischen Gesetze. Es gab bereits einen jüdischen Wohnbezirk, in dem die meisten jüdischen Familien lebten. Die Familie Ticho musste sich nun bei jüdischen Mitbürgern einquartieren und mit ihnen ihre Wohnung teilen. Im März 1942 wurden die jüdischen Einwohner von Boskovice über Brno nach Theresienstadt verschleppt, auch die Familie Ticho war betroffen. Am 1. April 1942 wurden 1000 Jüdinnen und Juden in Theresienstadt aufgerufen, zum wenige Kilometer entfernten Bahnhof zu gehen, darunter auch die Familie Ticho. Sie mussten einen Zug besteigen, das Ziel des Zuges war die kleine Bahnstation Trawniki im heutigen Ostpolen. Unter Bewachung mussten sie zu Fuß von Trawniki aus in das zehn Kilometer entfernte Durchgangsghetto von Piaski laufen. In Piaski angekommen, teilte sich die Familie eine kleine Wohnung mit einem anderen Ehepaar. In der Wohnung selbst befanden sich keine Möbel, sie schliefen auf dem Boden. Nach einer Woche fanden sie Platz in einem Haus, dessen Bewohner vermutlich bereits in die Mordstätte Belzec deportiert worden waren. Dreizehn Personen teilten sich nun die beiden Zimmer in diesem Haus. Die hygienischen Bedingungen im Ghetto Piaski waren schlecht. Wasser konnte man nur aus einem entfernt gelegenen Brunnen zapfen, der nur stundenweise zugänglich war. In dieser schwierigen Situation erblindete die Tochter Marianne. Sohn Kurt arbeitete auf einem Bauernhof außerhalb von Piaski, was ihm ermöglichte mit geschmuggelten Lebensmitteln die Familie zu versorgen.
Wenige Wochen nach der Familie von Max und Paula Ticho war auch die Schwägerin Rosa aus Theresienstadt nach Piaski gekommen. Ihr Sohn Erwin war beim Zwischenhalt des Zuges in Lublin in das Konzentrationslager Majdanek bei Lublin eingewiesen worden. Er starb wenige Wochen später im Konzentrationslager Majdanek.
Die Nationalsozialisten begannen im Frühjahr 1942 mit den Deportationen und der Ermordung der jüdischen Bevölkerung aus den Ghettos im Generalgouvernement. Ab März 1942 fuhren die Deportationszüge nach Belzec, ab Anfang Mai in das Mordlager Sobibor.
Am 22. Juni 1942 wurden Max, seine Frau Paula, seine Tochter Marianne und die Schwägerin Rosa zu Fuß nach Trawniki getrieben. Sohn Kurt beobachtete von seinem Arbeitsplatz aus heimlich diese Kolonne, die sich auf den Bahnhof zu bewegte, allerdings ohne jemanden erkennen zu können. Als er am Abend zurück ins Ghetto kam, war seine Familie nicht mehr da. Die Menschen aus der Kolonne – so erfuhr er später - mussten in Trawniki in den Zug steigen, der sie direkt in das Mordlager Sobibor brachte. Paula, Max, Marianne und Rosa Ticho wurden direkt nach ihrer Ankunft in Sobibor ermordet.
Sohn Kurt
Der einzige Überlebende war nun Sohn Kurt. Später berichtete er darüber, was weiter geschah: Der Zug ins Mordlager war so überfüllt, dass einige Jüdinnen und Juden nicht einsteigen konnten. Sie mussten zwei Tage in einer Scheune am Bahnhof hausen und wurden dann zurück ins Ghetto getrieben. Da erfuhr Kurt, was seiner Familie und den anderen geschehen war. Er suchte sich eine Arbeit bei einem Bauern, wo er auch schlafen konnte. Das Bauernpaar behandelte ihn respektvoll. An den Sonntagen besuchte er regelmäßig seine Freundin im Ghetto. Im Oktober wurde er aufgefordert, zurück ins Ghetto von Piaski zu ziehen. In der Nacht zum 5. November klopfte jemand an die Tür und forderte dazu auf, sich zu verstecken. Zwanzig Jüdinnen und Juden versteckten sich darauf im Keller des Hauses. Am nächsten Tag begann die Ghettoräumung, das Versteck wurde verraten und die Ghettobewohner wurden nach Trawniki zum Bahnhof getrieben und in einen Zug gepfercht. Wenige Stunden später stand auch Kurt Ticho auf der Rampe des Mordlagers Sobibor, wo er zur Arbeit ausgewählt wurde.
Fast ein Jahr lang musste er unter Aufsicht der SS- und von Trawniki Männern im Mordlager arbeiten. Er wurde bei der Kleidersortierung eingesetzt und später als Sanitäter in der provisorischen Krankenbaracke. Hautnah sah er nun tausendfach das gewaltsame Ende von Jüdinnen und Juden, das auch seiner Familie widerfahren war. Beim Häftlingsaufstand am 14. Oktober 1943 gelang ihm die Flucht und er kehrte zu jenem ihm bekannten polnischen Bauernpaar in der Nähe von Piaski zurück, die ihn bis zur Befreiung bei sich versteckten.
Später sagte er in verschiedenen Prozessen gegen die Täter von Sobibor aus. In seiner Wahlheimat USA nannte er sich Kurt Thomas. Seine Erinnerungen über die Zeit der Verfolgung veröffentlichte er unter dem Titel „My Legacy“. Er verstarb 2009 in Columbus/Ohio.
Verwendete Dokumente und Literatur
Interviews:
Interviews Archive USHMM, Kurt Thomas, 9.11.1990 und 23.6.1999
Interview Shoah Foundation, Kurt Thomas, 15.4.1997
Verwendete Literatur und Dokumente:
Muzeum Pojezierza Łęczyńsko-Włodawskiego, Kurt Thomas: My Legacy, 2008