
Paula Ticho
geboren am 27. Dezember 1890 in Uhorska Ves, heute Slowakei
ermordet am 23. Juni 1942 in der deutschen Mordstätte Sobibor
Familie
Lebensdaten


3 Stolpersteine erinnern seit Sommer 2025 vor dem Wohnhaus in Boskovice an die Familie Ticho

Marianne Ticho, Paulas Tochter

Max Ticho, Paulas Ehemann

Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Boskovice für die Familie Ticho, aufgestellt von Kurt Thomas

Der Gedenkstein für die Familie Ticho
Biografie
Paula Steiner stammte aus Uhorska Ves in der heutigen Slowakei. In der Stadt gab es eine gut funktionierende jüdische Gemeinde mit einer Synagoge, einer jüdischen Schule und einem jüdischen Friedhof. Das wirtschaftliche Leben von Uhorska Ves war v.a. bestimmt von größeren jüdischen Betrieben, einer Öl- und einer Zuckerfabrik. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebten über 80 Jüdinnen und Juden im Ort, 1942 waren es noch 69. Laut einer Erklärung des Bezirksgerichts Malacky vom 30. Juni 1948 starben 37 von ihnen in Konzentrationslagern, vor allem in Auschwitz-Birkenau. Der jüdische Friedhof wurde während der Besatzungszeit von den Nationalsozialisten als militärisches Übungsgelände geschändet. Nach 1945 wurde der verlassene Friedhof verwüstet. In den frühen 1960er Jahren wurde mit dem Gelände das Areal der landwirtschaftlichen Genossenschaft erweitert. Den Friedhof gibt es nicht mehr. Das örtliche Museum besitzt nur ein Fragment eines Grabsteins mit der Inschrift Štefánia Foltýnová, das im Fluss Morava gefunden wurde.
Leben der Familie
Paula Steiner heiratete am 30. März 1913 Max Ticho aus Boskovice. Dieser verdiente als Handelsvertreter den Unterhalt, Paula versorgte ihre Familie. Die Familie hatte einen großen Freundeskreis, man traf sich immer wieder zum Kartenspiel. Sohn Kurt begann mit 16 Jahren eine Ausbildung in einer Konfektionsfabrik, bis er 1936 seinen Militärdienst für die Tschechoslowakei antreten musste, er war vor allem in Brno stationiert. Kurz vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei im März 1939 wurde Kurt aus dem Militärdienst entlassen und ging zurück nach Boskovice.
Die Familie Ticho lebte nicht religiös, Ehemann Max verstand sich als Atheist. Paula Steiner selbst kam ursprünglich aus einer streng gläubigen Familie. Auch nach ihrer Verheiratung besuchte sie regelmäßig die Synagoge, ihr Ehemann Max begleitete sie bis vor die Tür der Synagoge und traf sich dort mit Freunden zum Spazierengehen. Kurt beschrieb mit berührenden Sätzen seine Mutter und seine Familie: „…- Oh, my mother, she was a loving, caring person….] For her-- to her, nothing mattered but family. And I have just … the fondest memories of my mother. And when I think how much patience and love and care she gave us, and then some brutal people killed her daughter, my sister, and her and my father, I-- it's revolting to me. And I can't express my feelings, because I was absolutely impotent to do anything about it. Well, we had a very nice family life. My mother was the most loving mother I could imagine. They were tolerant people, liberal people, understanding people. …I had a very nice relationship with my sister. It was a -- We were a very nice family. And we were five years apart. She was born 1919 …, I was born in 1914, five years apart.”
Ghettoisierung und Deportation
Die deutschen Besatzer etablierten sich ab März 1939schnell in Boskovice und erließen zügig ihre antijüdischen Gesetze. Es gab bereits einen jüdischen Wohnbezirk, in dem die meisten jüdischen Familien lebten. Die Familie Ticho musste sich nun bei fremden jüdischen Mitbürgern einquartieren und mit ihnen ihre Wohnung teilen. Im März 1942 wurden die jüdischen Einwohner von Boskovice über Brno nach Theresienstadt verschleppt, auch Paula Ticho und ihre Familie war betroffen. Am 1. April 1942 wurden 1000 Jüdinnen und Juden in Theresienstadt aufgerufen zum wenige Kilometer entfernten Bahnhof zu gehen, unter ihnen die Familie Ticho. Sie mussten einen Zug besteigen, das Ziel des Zuges war die kleine Bahnstation Trawniki im heutigen Ostpolen. Zu Fuß mussten sie von Trawniki aus in das zehn Kilometer entfernte Durchgangsghetto von Piaski laufen. In Piaski teilte sich die Familie eine kleine Wohnung mit einem anderen Ehepaar. In der Wohnung selbst befanden sich keine Möbel, sie schliefen auf dem Boden. Nach einer Woche fanden sie einen Platz in einem Haus, dessen Bewohner vermutlich bereits in die Mordstätte Belzec deportiert worden waren. Dreizehn Personen teilten sich die beiden Zimmer in diesem Haus. Die hygienischen Bedingungen im Ghetto Piaski waren schlecht. Wasser konnte man nur aus einem entfernt gelegenen Brunnen zapfen, der stundenweise zugänglich war. In dieser schwierigen Situation erblindete die Tochter Marianne. Sohn Kurt arbeitete auf einem Bauernhof außerhalb von Piaski, was ihm ermöglichte mit geschmuggelten Lebensmitteln die Familie zu versorgen.
Wenige Wochen nach der Familie von Paula und Max Ticho kam auch die Schwägerin Rosa aus Theresienstadt nach Piaski. Ihr Sohn Erwin war beim Zwischenhalt des Zuges in Lublin in das Konzentrationslager Majdanek bei Lublin eingewiesen worden. Er starb wenige Wochen später im Lager.
Die Nationalsozialisten begannen im Frühjahr 1942 mit den Deportationen und der Ermordung der jüdischen Bevölkerung aus den Ghettos im Generalgouvernement. Ab März 1942 fuhren die Deportationszüge nach Belzec, ab Anfang Mai in das Mordlager Sobibor.
Am 22. Juni 1942 wurden Paula, ihr Ehemann Max, ihre Tochter Marianne und ihre Schwägerin Rosa zu Fuß nach Trawniki getrieben. Sohn Kurt beobachtete von seinem Arbeitsplatz aus heimlich diese Kolonne, die sich auf den Bahnhof zu bewegte, allerdings ohne jemanden erkennen zu können. Als er am Abend zurück ins Ghetto kam, war seine Familie nicht mehr da. Die Menschen aus der Kolonne – so erfuhr er später - mussten in Trawniki in den Zug steigen, der sie direkt in das Mordlager Sobibor brachte. Paula, Max, Marianne und Rosa Ticho wurden direkt nach ihrer Ankunft in Sobibor ermordet.
Sohn Kurt
Sohn Kurt war nun der letzte Überlebende der Familie. Später berichtete er über das was weiter geschehen war: Der Zug ins Mordlager war so überfüllt, dass einige Jüdinnen und Juden nicht einsteigen konnten. Sie mussten zwei Tage in einer Scheune am Bahnhof hausen und wurden dann zurück ins Ghetto getrieben. Da erfuhr Sohn Kurt, was mit ihrer Familie passiert war. Er suchte sich eine Arbeit bei einem Bauern, wo er auch schlafen konnte. Das Bauernpaar behandelte ihn respektvoll. An den Sonntagen besuchte er regelmäßig seine Freundin im Ghetto. Im Oktober wurde er aufgefordert, zurück ins Ghetto von Piaski zu ziehen. In der Nacht zum 5. November klopfte jemand an die Tür und forderte dazu auf, sich zu verstecken. Die zwanzig Jüdinnen und Juden versteckten sich nun im Keller des Hauses.
Am nächsten Tag begann die Ghettoräumung, das Versteck wurde verraten und die Ghettobewohner wurden nach Trawniki zum Bahnhof und in einen Zug getrieben. Wenige Stunden später stand auch Kurt Ticho auf der Rampe des Mordlagers Sobibor, wo er zur Arbeit ausgewählt wurde. Fast ein Jahr lang musste er unter Aufsicht der SS- und von Trawniki Männern im Mordlager arbeiten. Er wurde bei der Kleidersortierung eingesetzt und später als Sanitäter in der provisorischen Krankenbaracke. Hautnah sah er nun tausendfach das gewaltsame Ende von Jüdinnen und Juden, das auch seiner Familie widerfahren war. Beim Häftlingsaufstand am 14. Oktober 1943 gelang ihm die Flucht und er kehrte zu jenem ihm bekannten polnischen Bauernpaar in der Nähe von Piaski zurück, die ihn bis zur Befreiung bei sich versteckten.
Später sagte er in verschiedenen Prozessen gegen die Täter von Sobibor aus. In seiner Wahlheimat USA nannte er sich Kurt Thomas. Seine Erinnerungen über die Zeit der Verfolgung veröffentlichte er unter dem Titel „My Legacy“. Er verstarb 2009 in Columbus/Ohio.
Verwendete Dokumente und Literatur
Interviews:
Interviews Archive USHMM, Kurt Thomas, 9.11.1990 und 23.6.1999
Interview Shoah Foundation, Kurt Thomas, 15.4.1997
Verwendete Literatur und Dokumente:
Muzeum Pojezierza Łęczyńsko-Włodawskiego, Kurt Thomas: My Legacy, 2008
Nowak, Gerhard, Jüdische Unternehmer im österreichisch – slowakischen Grenzgebiet Angern an der March – Záhorská Ves im 20. Jahrhundert, Diplomarbeit an der Universität Wien, 2012