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Rosa Ticho

geboren am 15. Oktober 1876 in Boskovice, Tschechien
ermordet am 23. Juni.1942 in der deutschen Mordstätte Sobibor

Familie

Ehemann Richard Ticho geboren am 5. November 1879 in Boskovice, Tschechien gestorben am 9. Mai 1941 in Boskovice Sohn Erwin Ticho geboren am 26. Mai 1913 in Brno, Tschechien umgekommen am 17. Juni 1942 im deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek Schwager Max Ticho geboren am 22. April 1878 in Boskovice, Tschechien ermordet am 23. Juni 1942 in der Mordstätte Sobibor Schwägerin Paula Ticho, geborene Steiner geboren am 27. Dezember 1890 in Uhorska Ves, Slowakei ermordet am 23. Juni 1942 in der Mordstätte Sobibor Neffe Kurt Ticho geboren am 11. April 1914 in Brno, Tschechien verstorben 2009 in Columbus/Ohio, USA Nichte Marianne Ticho geboren am 24. Juli 1919 in Boskovice, Tschechien ermordet am 23. Juni 1942 in der Mordstätte Sobibor

Lebensdaten

1876 Geburt in Boskovice Heirat mit Richard Ticho 1913 Geburt des Sohnes Erwin 1914 Geburt des Neffen Kurt, später Kurt Thomas genannt 1919 Geburt der Nichte Marianne 1941 Tod ihres Ehemannes Richard Ticho in Boskovice 1942 Verschleppung der gesamten Familie nach Theresienstadt 1942 Verschleppung von Max, Paula, Kurt und Marianne Ticho nach Piaski 1942 Verschleppung nach Piaski 1942 Verschleppung ihres Sohnes Erwin nach Majdanek 1942 Tod des Sohnes Erwin in Majdanek 1942 Verschleppung und Ermordung in der Mordstätte Sobibor 1942 Verschleppung und Ermordung von Max, Paula, Marianne Ticho in Sobibor 1942 Neffe Kurt wird an der Rampe von Sobibor zur Zwangsarbeit ausgesucht 1943 Neffe Kurt nimmt am Häftlingsaufstand in Sobibor teil und überlebt 1948 Emigration des Neffen Kurt in die USA und Annahme des Namens Kurt Thomas
Porträtfoto
Porträtfoto

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Der Gedenkstein für die Familie Ticho


Biografie

Die Familie lebte in dem Städtchen Boskovice im heutigen Tschechien. Die Stadt blickt auf eine reiche jüdische Geschichte seit dem 14. Jahrhundert zurück, bereits im 17. Jahrhundert existierte eine Synagoge. Später gab es eine jüdische Schule, eine Mikwe, eine angesehene Jeschiwa, zahlreiche wohltätige Einrichtungen und einen großen jüdischen Friedhof. Mitte des 19. Jahrhunderts waren knapp die Hälfte der Einwohner von Boskovice Jüdinnen und Juden, 1930 lebten noch etwa 400 von ihnen in der Stadt. Unter der nationalsozialistischen Besatzung wurde in Boskovice die jüdische Bevölkerung konzentriert und dann in die deutschen Mordstätten verschleppt. Weit über 400 von ihnen wurden ermordet. Nach dem Krieg kehrten 14 Boskovicer Jüdinnen und Juden in ihren Heimatort zurück.


Über ihre Familie ist nicht viel bekannt. Bekannt ist, dass ihr Ehemann Richard Ticho am 9. Mai 1941 im Alter von 61 Jahren in seiner Wohnung in Boskovice verstarb.




Ghettoisierung und Deportation

Die deutschen Besatzer etablierten sich ab März 1939schnell in Boskovice und erließen zügig ihre antijüdischen Gesetze. Es gab bereits einen jüdischen Wohnbezirk, in dem die meisten jüdischen Familien lebten. Die Familie ihres Schwagers musste nun bei sich jüdische Mitbürger einquartieren und mit ihnen ihre Wohnung teilen. Im März 1942 wurden die jüdischen Einwohner, auch Rosa Ticho, von Boskovice über Brno nach Theresienstadt verschleppt. Am 1. April 1942 wurden 1000 Jüdinnen und Juden in Theresienstadt aufgerufen zum wenige Kilometer entfernten Bahnhof zu gehen, betroffen war sie an diesem Tag vermutlich nicht, aber die Familie ihres Schwagers Max Ticho. Diese mussten einen Zug besteigen, das Ziel des Zuges war die kleine Bahnstation Trawniki im heutigen Ostpolen. Zu Fuß und bewacht mussten sie von Trawniki aus in das zehn Kilometer entfernte Durchgangsghetto von Piaski laufen.  In Piaski teilte sich die Familie eine kleine Wohnung mit einem anderen Ehepaar.

 Nach einer Woche fanden sie einen Platz in einem Haus, dessen Bewohner vermutlich bereits in die Mordstätte Belzec deportiert worden waren. Dreizehn Personen teilten sich die beiden Zimmer in diesem Haus. Die hygienischen Bedingungen im Ghetto Piaski waren schlecht. Wasser konnte man nur aus einem entfernt gelegenen Brunnen zapfen, der stundenweise zugänglich war. In dieser schwierigen Situation erblindete ihre Nichte Marianne. Ihr Neffe Kurt arbeitete auf einem Bauernhof außerhalb von Piaski, was ihm ermöglichte mit geschmuggelten Lebensmitteln die Familie zu versorgen.


Wenige Wochen nach der Familie von Max Ticho kam auch Rosa Ticho von Theresienstadt nach Piaski. Ihr Sohn Erwin war beim Zwischenhalt des Zuges in Lublin in das Konzentrationslager Majdanek bei Lublin eingewiesen worden. Er starb wenige Wochen später in Majdanek.


Die Nationalsozialisten begannen im Frühjahr 1942 mit den Deportationen und der Ermordung der jüdischen Bevölkerung aus den Ghettos des Generalgouvernements. Ab März 1942 fuhren die Deportationszüge nach Belzec, ab Anfang Mai in das Mordlager Sobibor.


Am 22. Juni 1942 wurden Rosa, ihr Schwager Max, seine Frau Paula und ihre Nichte Marianne zu Fuß nach Trawniki getrieben. Ihr Neffe Kurt beobachtete von seinem Arbeitsplatz aus heimlich diese Kolonne, die sich auf den Bahnhof zu bewegte, allerdings ohne jemanden erkennen zu können. Als er am Abend zurück ins Ghetto kam, war seine Familie nicht mehr da. Die Menschen aus der Kolonne – so erfuhr er später - mussten in Trawniki in den Zug steigen, der sie direkt in das Mordlager Sobibor brachte. Rosa, Paula, Max und Marianna Ticho wurden direkt nach ihrer Ankunft in Sobibor ermordet.





Der Neffe Kurt

Der letzte Überlebende der Familie war ihr Neffe Kurt. Er berichtete, was sich damals zutrug. Der Zug ins Mordlager war so überfüllt gewesen, dass einige Jüdinnen und Juden nicht einsteigen konnten. Sie mussten zwei Tage in einer Scheune am Bahnhof hausen und wurden dann zurück ins Ghetto getrieben. Da erfuhr Kurt, was geschehen war. Er suchte sich eine Arbeit bei einem Bauern, wo er auch schlafen konnte. Das Bauernpaar behandelte ihn respektvoll. An den Sonntagen besuchte er regelmäßig seine Freundin im Ghetto. Im Oktober wurde er aufgefordert, zurück ins Ghetto von Piaski zu ziehen. In der Nacht zum 5. November klopfte jemand an die Tür und forderte dazu auf, sich zu verstecken. Zwanzig Jüdinnen und Juden versteckten sich nun im Keller des Hauses. Am nächsten Tag begann die Ghettoräumung, das Versteck wurde verraten und die Ghettobewohner wurden nach Trawniki zum Bahnhof getrieben und in einen Zug gepfercht. Wenige Stunden später stand auch er auf der Rampe des Mordlagers Sobibor, wo er zur Arbeit ausgewählt wurde. 


Fast ein Jahr lang musste er unter Aufsicht der SS- und von Trawniki Männern im Mordlager arbeiten. Er wurde bei der Kleidersortierung eingesetzt und später als Sanitäter in der Krankenbaracke. Hautnah sah er nun tausendfach das gewaltsame Ende von Jüdinnen und Juden, das auch seiner Familie widerfahren war. Beim Häftlingsaufstand am 14. Oktober 1943 gelang ihm die Flucht und er kehrte zu jenem ihm bekannten polnischen Bauernpaar in der Nähe von Piaski zurück, die ihn bis zur Befreiung bei sich versteckten. 


Später sagte er in verschiedenen Prozessen gegen die Täter von Sobibor aus. In seiner Wahlheimat USA nannte er sich Kurt Thomas. Seine Erinnerungen über die Zeit der Verfolgung veröffentlichte er unter dem Titel „My Legacy“. Er starb 2009 in Columbus/Ohio.




Verwendete Dokumente und Literatur

Interviews:

Interviews Archive USHMM, Kurt Thomas, 9.11.1990 und 23.6.1999

Interview Shoah Foundation, Kurt Thomas, 15.4.1997


Verwendete Literatur und Dokumente:

Muzeum Pojezierza Łęczyńsko-Włodawskiego, Kurt Thomas: My Legacy, 2008




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